"Since All Remain Subject to Chance." Poor Relief in Seventeenth-Century Wilno
"Since All Remain Subject to Chance." Poor Relief in Seventeenth-Century Wilno

Author(s): David Frick
Subject(s): Christian Theology and Religion, Political history, Rural and urban sociology, 17th Century
Published by: Verlag Herder-Institut
Keywords: "Since All Remain Subject to Chance"; Poor Relief; Seventeenth-Century Wilno;

Summary/Abstract: Das frühneuzeitliche Wilna, Hauptstadt des Großherzogtums Litauen und damit zweite Hauptstadt der polnisch-litauischen Adelsrepublik, beherbergte Anhänger fünf christlicher Konfessionen sowie Juden und - in den Vororten lebende - muslimische Tataren. Beginnend mit dem Jahr 1536 wurde die Macht im gewählten Magistrat gleichmäßig zwischen „Griechen“ (Ruthenisch-Orthodoxen) und „Römern“ (Römisch-Katholiken) aufgeteilt. Ende des 16. Jahrhunderts konkurrierten dann Unierte mit den Orthodoxen um „griechische“, Lutheraner und Calvinisten mit den Katholiken um „römische“ Sitze, ehe 1666 ein königliches Dekret die Wählbarkeit zum Magistrat auf Katholiken und Unierte beschränkte. Dennoch blieb Wilna die einzige königliche Stadt auf dem Gebiet der Adelsrepublik, in der Nicht-Katholiken am Stadtregiment beteiligt waren. Dieses für den Magistrat entwickelte System der Parität kam auch in allen weltlichen Vereinigungen, von der einflußreichen Communitas mercatoria bis zur niedersten Gilde, in denen Angehörige aller fünf christlichen Konfessionen um Beteiligung an den Machtstrukturen rangen, zur Anwendung. In welchem Maße verlief die Organisation und die Verteilung von im weiteren Sinne Armenfürsorge entlang konfessioneller, sprachlicher oder ethnischer Grenzen, bzw. inwieweit wurden diese überschritten? Wer half wem? Und wie wurde die Hilfe zuteil? Welche Erwartungen wurden daran von Seiten des Hilfeleistenden wie des Empfangenden geknüpft? Die Behandlung dieser Fragen umfaßt sowohl öffentliche als auch eher private, zentralisierte wie dezentrale Bemühungen der Armenfürsorge. Ein Teil des Beitrags ist zudem Beispielen für improvisierte Versuche von einzelnen Personen und ihren Familien gewidmet, der Verarmung zu entgehen. Fragen der Interkonfessionalität, denen in Studien zur frühneuzeitlichen Armenfürsorge bislang praktisch nicht nachgegangen wurde, stellen im vorliegenden Beitrag aus mehreren Gründen einen Leitfaden dar. Sie drängen sich vor allem deshalb auf, weil das Neben- und Miteinander der verschiedenen Konfessionen ein wesentlicher Bestandteil des Lebens im Wilna des 17. Jahrhunderts war und die Stadt selbst innerhalb der polnisch-litauischen Adelsrepublik zu einer Besonderheit machte. Es ist unmöglich, das Wesen der Armenfürsorge in Wilna zu verstehen, ohne die Frage zu stellen, welche wechselseitigen Beziehungen zwischen den Angehörigen der verschiedenen Konfessionen bestanden. Umgekehrt läßt die Untersuchung der Fälle, in denen Bewohner Wilnas verschiedenen Glaubens und unterschiedlicher sozialer Herkunft versuchten, Not abzuwenden oder zu lindern, Aspekte der besonderen convivencia erkennen, die das Lieben in der Stadt über weite Teile ihrer Geschichte bestimmte. Im ganzen betrachtet, ergibt sich aus der Vielzahl der Strategien, die von den zentralisierten ,,Armenkästen“ bis zu individueller Selbsthilfe reichten, das Bild einer äußerst gemischten Stadt, in welcher eine beträchtliche Anzahl von Einwohnern bei der Verrichtung ihrer täglichen Geschäfte verschiedentlich die konfessionellen Grenzen überschritten und in welcher dieses Verhalten keinen Anstoß erregte, sondern als normal akzeptiert wurde.

  • Issue Year: 55/2006
  • Issue No: 1
  • Page Range: 1-55
  • Page Count: 55
  • Language: English