"Away with German and Russian influence!" Ethno-political considerations in the reorganisation of the Estonian school system in the early 1920s
"Away with German and Russian influence!" Ethno-political considerations in the reorganisation of the Estonian school system in the early 1920s

Author(s): Kari Alenius
Subject(s): Ethnohistory, Political history, State/Government and Education, Interwar Period (1920 - 1939)
Published by: Verlag Herder-Institut
Keywords: German and Russian influence; Ethno-political considerations; reorganisation; Estonian school system; the early 1920s;

Summary/Abstract: Die in Estland im Zusammenhang der Neuordnung des Schulwesens 1918-1926 geführte Diskussion ist exemplarisch für die seinerzeit in Europa zu beobachtende Verbindung von Sprach- und Nationalitätenfragen mit der Reformierung der Schulsysteme. Im gleichen Maße, in dem 'Nationalität' als ein wesentliches Merkmal individueller und kollektiver Identitäten im späten 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts an Bedeutung gewann, avancierte Sprache, insbesondere in Ostmitteleuropa, zum wichtigsten Kennzeichen und Sinnbild nationaler Zugehörigkeit. Die Frage nach der Unterrichtssprache in den Schulen wurde damit zu einem nationalpolitischen Thema mit hohem Konfliktpotenzial. Die nach Erlangung der Unabhängigkeit von der Regierung Estlands ergriffenen Maßnahmen spiegeln einen durchaus zeittypischen Gegensatz wider. Einerseits wurde Estnisch zur alleinigen offiziellen Landessprache erhoben und vom Gesetzgeber in jeder erdenklichen Weise gefördert. Andererseits war die Regierung Estlands zugleich bemüht, der offiziell als Leitlinie der Weltpolitik geltenden und mit dem Namen des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson verbundenen Vorstellung von der Gleichheit der Völker zu entsprechen. Aus diesem Grund wurde den Minderheiten in Estland Unterricht in der eigenen Sprache zugebilligt, und verglichen mit anderen Staaten im östlichen Europa war die Schulpolitik in Estland insgesamt toleranter. Minderheitenschulen wurden vom Staat gefördert, sofern in einem Ort mindestens 20 Schüler einer nicht-estnischen Bevölkerungsgruppe lebten, unabhängig vom prozentualen Anteil der jeweiligen Minderheit an der Gesamtbevölkerung. Das Recht auf Unterricht in der Muttersprache galt grundsätzlich jedoch nicht für die im Land lebenden Finnen und Ingrier (Ischoren), die wie die Esten zu den ostsee-finnischen Völkern gehören und die der Staat zu assimilieren hoffte. In gewisser Weise typisch für die damalige Zeit war auch die Forderung nach einer Garantie und weiteren Verbesserung ihrer Rechte, insbesondere auf sprachlichem Gebiet, welche die Minderheiten in Estland gleich nach der Unabhängigkeit des Landes erhoben. Das Gruppenbewusstsein und der Organisationsgrad der in Estland lebenden Deutschen, Russen und Schweden waren so ausgeprägt, dass es anfangs fast zwangsläufig zu Meinungsverschiedenheiten mit der estnischen Regierung kommen musste. Die Konflikte wurden jedoch recht bald durch die überwiegend liberale estnische Schulpolitik und die Verabschiedung neuer Schulgesetze in den Jahren 1919 und 1920 entschärft.

  • Issue Year: 56/2007
  • Issue No: 3
  • Page Range: 347-363
  • Page Count: 17
  • Language: English